Der gayromeo-User "wetspot" sah sein Ego nach einem Date stark angeschlagen. Sonntagnachtmittag in Köln. Staub schwirrt durchs Zimmer, im Fernsehen läuft überhaupt nichts und der Frust vom erfolglosen Vorabend sitzt tief in den Knochen. Was bleibt einem also anderes übrig, als den Computer anzuschmeißen und sich bei gayromeo einzuloggen.
„Suche Typ zum hemmungslosen Rumsauen“ liest mein interessiertes Auge. „Och“, denken ich und ein anderer Körperteil, da könnte man doch mal eine Message zur Kontaktaufnahme hinschicken. Die Rückmeldung folgt prompt. Man könne sich ja mal treffen. Wo? Bei ihm. Am besten zeitnah, da gerade in Stimmung. Nun ja, da selber auch „in Stimmung“, sage ich zu und machte mich auf den Weg zum Kleiderschrank zur Klärung der Frage: „Was zieh ich bloß an“. Gefühlte eineinhalb Stunden später bin ich für mein Spontandate fertig angezogen. Eine weitere Stunde später sind die Kontaktlinsen am Platz (die Augen sind nur leicht gerötet, mit dem rechten sehe ich sogar etwas), drei Stunden nach Kontaktaufnahme bin ich schon an angegebener Anschrift angekommen und drücke beherzt die Klingel. Nachdem ich dies viermal wiederholt habe, werde ich eingelassen und finde den Weg in die versiffte Bleibe meines Spontandates. Ich erinnere mich an den Online-Hinweis: „Es ist etwas unaufgeräumt, ich hoffe, dir macht das nichts aus“. Nein „etwas“ unaufgeräumt macht mir nichts aus, aber das?? Egal. Jetzt sind wir hier.
Der junge Mann mir gegenüber ist kleidungstechnisch schon auf das Wesentliche reduziert: siffige Socken, Sportshorts und eine Jeans, die irgendwie halb auf den Knien hängt. Bierpulle in der einen, Kippe in der anderen Hand. Nach einem kurzem Austausch von Höflichkeitsfloskeln frage ich zur Sicherheit, ob ich auch ein Kölsch bekommen kann. Ich hatte mir zwar schon Mut angetrunken, aber, wie ich feststelle, angesichts der Situation noch nicht genug. Die Unterhaltung entwickelt sich wider Erwarten doch recht interessant. Vor allem, nachdem wir beide noch etwas dem Alkohol zugesprochen haben. Ehe aber das Ziel dieser Verabredung ganz aus den Augen gerät, ergreife ich einige Bierpullen später die Initiative und mache zarte Annäherungsversuche.
15 Minuten später finde ich mich mit einer seit fünf Wochen nicht gewaschenen Sportsocke im Mund unter dem Pissstrahl meines Gastgebers wieder und versuche angestrengt, die romantischen Liebesszenen sämtlicher MGM-Musicals aus dem Kopf zu bekommen, die ich so gar nicht mit meinem aktuellen Empfinden in Einklang bringen kann. Statt des obligatorischen Chores weißbekleideter Backgroundsängerinnen ertönt plötzlich der Lautsprecher am PC meines Dates. Man ist wohl noch Online. „Nur für den Fall, das du nicht aufgekreuzt wärst“, lässt mein Gegenüber als Erklärung verlauten. „Mafft niff“, antworte ich, Socke noch am Platz.
Nach Beendigung des sexuellen Exkurses in Sachen versiffte Sportsachen und einer zügigen Verabschiedung meinerseits (ich war beim Sport noch nie sehr ausdauernd), finde ich mich ein Stündchen später zu Hause wieder. Der Kater am nächsten Tag ist gar nicht so schlimm, die Augen werden bestimmt auch irgendwann damit fertig, dass ich die Linsen beim Schlafen dringelassen habe.
Zwei Wochen später, ich sitze wieder am PC, werde ich von meinen „Sport-Date“ angetickert. „Wie wär’s mit einem geilen Treffen?“ Hmm. Wie beim letzen Mal trifft mein Stammhirn die Entscheidung und informiert das Großhirn, dass wir, sprich sämtliche Hirnmasse inklusive dazugehörigem Körper, zusagen. Sekunden später erscheint die Anschrift der Verabredung auf dem Monitor. „Hä?“, denk ich und maile zurück „Danke, weiß ich doch noch vom letzten Mal.“ Mit einer etwas längeren Verzögerung kommt die Antwort: „Warst du denn schon mal bei mir?“.
Ich bin sicherlich nicht eitler als andere, dennoch bin ich etwas irritiert, dass der junge Mann sich nicht an mich erinnern kann. Mit spitzen Fingern der linken Hand tippe ich ein beleidigtes „Ja“ in die Tastatur, während die rechte Fallhand meinen Sektkelch umkrampft. „Kann mich gar nicht erinnern ...“ kommt es zurück. Schon klar, denk ich. Er: „Was haben wir denn gemacht?“ Kurz bevor ich mich entrüstet auslogge, überkommt mich irgendwie ein pädagogischer Eifer und ich versuche dem jungen Mann seine Erinnerung wieder zu geben. Nach einer zu meinem Vorteil ausgeschmückten Beschreibung antwortet er: „Ach, das war der Tag, wo ich so besoffen war. Hmm. Möchtest du trotzdem kommen?“. Beseelt von dem Wunsch, diesmal eine bleibende Erinnerung zu hinterlassen, tippe ich „ja“ und sitze nur zwei Stunden später (ich habe einfach die gleichen Sachen, wie beim ersten Mal angezogen – aus Gründen der Widererkennung und, weil ich keine Zeit verlieren wollte) in der Bahn.
Die Angelegenheit verläuft in bekannten Bahnen, bis auf die Tatsache, dass die Unterhaltung vorab nicht mehr ganz so interessant ist – er hatte mir das Gleiche ja schließlich schon beim ersten Mal erzählt. Und überhaupt geht diesmal alles ganz schnell. Eine halbe Stunde später sage ich Tschüss und mache mich auf den Heimweg. Ein kurzer Chat am nächsten Tag bestätigt mir, dass sich mein gestriger Sexpartner an mich erinnert hat und, so verspricht er, auch erinnern wird. Na also. Mein Ego ist wieder hergestellt.