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Datingstorys: Chat meets Psycho
 
 

 
     
 
 
Der jetzt 26-jährige Jan hat schon vor acht Jahren Erfahrungen damit gemacht, wie verlogen das Internet sein kann... In Zeiten, als noch nicht der gesamte Teil der schwulen Bevölkerung Deutschlands bei Gayromeo umtriebig war, galten die Chats bei AOL als sehr gute Kontaktaufnahme zu Schwestern, Brüdern und Tanten der Community. Im Winter 1998 - ich war noch ein Internet-Neuling - hatte ich bereits ein paar Gehversuche im Chat hinter mir. Mein erstes Blind-Date im September war nett verlaufen, und der Typ sollte noch für die nächsten zwei Jahre der süßeste Dating-Erfolg bleiben. Von wegen, man steht beim Treff ohne Bild nur altersschwachen Mumien gegenüber.

Mit diesem Erfolg gestärkt, freute ich mich, als mich im Januar 1999 ein User mit dem Nickname Sad_Sweet_Dreamer anchattete. „Hallo, ich bin der Steve (alle Namen geändert)“, begann die Konversation wie 1000 andere auch. Unsere Gespräche sollten aber aufgrund vieler gemeinsamer Interessen wie unsere Musik-Obsession bunter werden. Beide schrieben wir Gedichte und Songtexte-. Also begannen wir uns gegenseitig Texte zu schicken, auch weil der nach einigen Chat-Stunden folgende Foto-Tausch sehr positiv ausgefallen war. Dunkle Haare, ausdrucksstarke Augen, definierter, aber nicht übertrieben muskulöser Körper – wer würde da nicht neugierig werden? Das Foto war auf seiner Homepage enthalten, die neben seinen Gedichten auch ein Gästebuch enthielt. Und dann noch seine Biografie: Kanadier, 19 Jahre, lebt abwechselnd bei seinem Bruder Matt in Bonn oder bei seinem Onkel in Karlsruhe, spielt in einer Band, geht bald für ein Jahr wieder zurück nach Kanada, um zu studieren. Aufregend!

Chat folgte auf Chat, Komplimente klatschten sich ab und die folgenden Telefonate waren stundenlange, ausgeprägte Gespräche, die sich um Musik, unsere Leben und Träume drehten. Schwups passierte das, was einem kaum jemand abnimmt, der nicht schon einmal in der gleichen Situation war: Wir verknallten uns ineinander, obwohl wir uns nur über das Internet und Telefon kannten. Ich lernte über das Internet sogar seinen Bruder Matt kennen, der unglaublich verständnisvoll und als Musiker ebenfalls ein Seelenverwandter war. Getrübt wurde die Idylle irgendwann, als mir Steve gestand, an einer seltenen Lungen-Krankenheit zu leiden, die von Zeit zu Zeit auftritt. Als ich allmählich ein Treffen zwischen uns beiden andachte, brach irgendwann auch die Krankheit aus. Was für ein erstaunlicher Zufall ...

Schwer krank lag Steve in einer Klinik und ich hörte einige Tage gar nichts, bevor mich sein Bruder informierte, dass Steve noch lebe und es ihm gut gehe. Weitere Mails von beiden folgten, Internet-Zugang hat man ja auch im Krankenhaus und schließlich konnte ich mit Steve auch telefonieren, selbst als sein Gesundheitszustand rauf und runter ging wie ein Jo-Jo. Die Telefonnummer seines Krankenhaustelefons wollte er mir nicht geben, also war ich darauf angewiesen, dass er mich anrief. Sein Handy, dessen Nummer er mir in einer Mail übermittelt hatte, war immer aus. Steves Bruder meldete sich zwischendurch auch per Telefon und Mail und meinte, dass er heilfroh sei, dass Steve mich als moralische Unterstützung hätte. Zudem erzählte er mir, dass sich Steves Aussehen durch die Behandlung und Medikamente gravierend verändern würde. Aufgequollen, mit akuter Gewichtszunahme, war nur eine der vielen Nebenerscheinungen, die die Krankheit mit sich brachte.

Die Sorgen wuchsen und mittlerweile machte ich sogar schon meine Freunde und vor allen Dingen meine Familie mit der Geschichte verrückt. Schließlich legte ich mir mit meiner Mutter einen Schlachtplan zurecht. Ein Anruf im Krankenhaus sollte Klärung bringen. Wir fragten nach Steve Hausmann und ließen uns zu diversen Stationen verbinden. Niemand hatte in der Bonner Klinik jemals von Steve gehört. Verwunderlich! Auf mein Nachfragen reagierte Steve sehr distanziert und er schwor, dass er wirklich in diesem Krankenhaus liegt. Er nannte mir sogar den Arzt. Erneutes Nachfragen in der besagten Klinik blieb aber wieder ohne Erfolg, jedoch war der Name des Arztes bekannt. Was hatten wir jetzt noch für Möglichkeiten? Handynummern von Steve und Bruder brachten nichts, keiner nahm ab. Nach viel Recherche fanden wir die Nummer vom Onkel in Karlsruhe raus. Als ich dort anrief, fiel mir nach den ersten Minuten bereits auf, dass die Stimme sich sehr ähnlich zu der von Steve und Matt anhörte.

Ich hätte schwören können, dass alle drei die gleiche Person sind. Die Unterhaltung brachte nicht viel, außer dass auch der Onkel meine Unterstützung gut hieß und weitere Informationen zu der Krankheit liefern konnte. Als das Gespräch beendet war, rief Steve aus dem Krankenhaus an – ihm ging es besser. Ich machte ihm, oder wer auch immer er war, schwere Vorwürfe, dass man ihn nicht erreichen könne und alles so undurchsichtig sei. Zeitgleich versuchte meine Mutter in Karlsruhe anzurufen, um zu testen, ob die Leitung belegt ist – siehe da, sie war es. Mit einer Ausrede beendete ich das Gespräch mit Steve – woraufhin die Leitung in Karlsruhe auch wieder frei war – ein weiteres Indiz, das Steve, Matt und der Onkel wohl ein und dieselbe Person waren. Als Steve wieder anrief, wiederholten wie das Spielchen mit dem gleichen Ergebnis. Er versprach mir allerdings, dass mich Matt am nächsten Tag abholen würde, um mit mir ins Krankenhaus zu fahren, als Beweis dafür, dass alles tatsächlich wahr ist.

Am nächsten Tag postierte ich mich pünktlich am Gummersbacher Bahnhof – ich wartete, wurde jedoch, wie angenommen, nicht abgeholt. Nach viel verwirrendem Hin und Her kam am Tag darauf wieder eine Mail von Matt: Steves Gesundheitszustand hatte sich erneut verschlechtert, diesmal lag er sogar im Sterben! Matt machte mir schwere Vorwürfe und die Schuld läge alleine bei mir. Da war dann das Maß voll! Ich löschte Nummern, Mails und alles was mit Steve und Co. in Zusammenhang stand. Nur die Adresse der Homepage hob ich auf. Über die Monate besuchte ich die Seite hin und wieder. Im Gästebuch waren Einträge zu lesen, die darauf hindeuteten, dass Steve zeitgleich mit mir ein ähnliches Psycho-Spiel mit anderen Typen getrieben hatte. Noch zwei Jahre war die Homepage online und immer wieder mal trugen sich User aus der ganzen Welt mit verständnisvollen Einträgen ein. Dann verschwand die Seite vom Server und mit ihr alles, was noch von meiner Psycho-Internet-Liebelei übrig war.

 



 
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