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Ab wann bin ich onlinesüchtig?
 
 

  "Sucht bezeichnet das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand als Folge eines gescheiterten Selbstheilungsversuches. Diesem Verlangen wird alles untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums", soweit die Definition von Sucht.
     
 
 
Ist die Abhängigkeit von gayromeo und Co. gleichzusetzen mit dem unstillbaren Verlangen nach Alkohol oder Koks? Dazu ein Interview mit Lars Ester vom Portal schwulenberatung.de, das von der Aids-Hilfe Oberhausen betrieben wird.

Ab wann gilt man als onlinesüchtig? Man neigt dazu, schnell zu sagen, jemand sei onlinesüchtig, wenn er häufig am PC sitzt. Aber man darf die Internetnutzer nicht in eine Schublade stecken. Mit der Onlinesucht ist es wie bei Alkoholismus und Drogensucht. Nicht jeder, der am Abend ein paar Bier trinkt, ist auch gleich abhängig.

Aber manche übertreiben es… Ja, problematisch wird es natürlich, wenn Leute nur vor dem PC hängen und ihre ganzen sozialen Kontakte abbrechen. Wenn ihre einzige Schnittstelle nur noch der PC ist und sie gar nicht mehr nach draußen gehen. Dann bedürfen diese Menschen auch einer Therapie. Das ist genauso wie bei anderen Süchten.

Welches Verhalten kann zur Sucht führen? Es gibt viele, die das Internet als Rollenspiel nutzen. Daraus können sie teils auch Selbstbewusstsein schöpfen, weil sie im Internet eine Rolle spielen können, die sie im wahren Leben nicht spielen. Das kann man in Chaträumen feststellen, wo die Leute sich eine ganz andere Identität zulegen. Es gibt Leute, die sind im Internet beispielsweise voll schwul geoutet mit allem, was dazugehört. Im realen Leben aber sind sie biedere Menschen mit Frau und Kindern.

Du sagtest, Online-Sucht sei wie jede andere Sucht auch. Richtig, das ist nur ein anderes Ventil. Probleme können sich immer in eine bestimmte Sucht kanalisieren, aber dahinter steht der gesamte Mensch. Und der wird nicht anders, weil wir jetzt zusätzlich Online-Medien zur Verfügung haben. Für die Online-Sucht gibt es allerdings andere Ursachen, die jemand in diese Sucht hineintreibt. Da sind Personen, die mit diesem Medium nicht vernünftig umgehen können und dann vereinsamen. Die Gründe sind vielfältig: Der Verlust des Arbeitsplatzes, Stress mit der Familie oder wenn jemand nicht geoutet ist. Wenn man sich beispielsweise eine Gruppe anonymer Alkoholiker ansieht, gibt es dort sehr viele ähnliche Biografien. Bei der Onlinesucht ist das fast genauso. Wir haben mit Leuten gesprochen, die chatten bis vier, fünf Uhr morgens und schaffen es dann nicht mehr, zur Arbeit zu gehen. Das ist auf Dauer hochgradig gefährlich. Würde es den PC nicht geben, wären sie vielleicht an der Flasche.

Sind junge Schwule besonders gefährdet? Es gibt keine empirischen Zahlen, aber meiner Einschätzung nach ist die Medienkompetenz bei Jüngeren größer - und damit die Gefahr für sie geringer, onlinesüchtig zu werden. Die meisten haben gelernt, mit dem Medium umzugehen und darüber Verabredungen zu treffen. Sie treffen sich real mit Freunden, die sie über dieses Medium gefunden haben. Von den Anfragen her würde ich den Bereich der 40- und 50-Jährigen eher als problematisch ansehen.

Kannst Du Beispiele nennen? Wir haben Fälle, wo Leute ihren Arbeitsplatz verloren haben, wo Beziehungen in die Brüche gegangen sind. Da gleicht diese Sucht anderen Süchten. Es gibt viele andere, die sind meiner Meinung nach zu viel am PC, aber die fühlen sich da wohl. Man muss eben differenzieren. Für manche kann es eine Hilfestellung sein, dass sie zum ersten Mal - gerade wenn sie auf dem Land wohnen - mit anderen Schwulen Kontakt haben. Die übertreiben das zwar auch, aber für die ist es erstmal ein Fortschritt, weil sie vorher ganz isoliert waren. Sie können daraus Selbstbewusstsein ziehen und sie kommen aus ihrer Isolation heraus. Im Rahmen von Chats können auch wir ihnen helfen - auch wenn der Konsum des Online-Mediums erstmal exzessiv ist.

Wie häufig kommt so etwas vor? Richtig wissen wir es natürlich nie. Das sind vielleicht zwei bis drei Prozent der Anfragen. Wir lassen unsere Vermutung dann aber nicht in die Antwort einfließen, sondern beantworten die Frage und bieten weitere Kontaktmöglichkeiten an - wie eine örtliche Beratungsstelle oder die örtlichen Beratungstelefone. E-Mail- und Onlineberatung ist ohnehin nur eine Einstiegsberatung - das kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen.

Welche Tipps würdest Du Leuten geben, damit sie nicht in die Abhängigkeit geraten? Man sollte seine sozialen Kontakte nicht auf das Medium Internet beschränken. So bekommen wir immer viele Anfragen, wenn gayromeo für kurze Zeit ausfällt. Leute haben ihre Dates von gayromeo abhängig gemacht und panisch bei uns angefragt, wann denn die Seite wieder online ist. Das sind schon viele Abhängigkeiten: Die haben dort ihre gesamte Freundeslisten gespeichert - es gab Probleme, Termine nicht wahrnehmen zu können, weil das Medium nicht funktionierte. Daher sollte man sich nicht abhängig machen von diesem Medium. In Maßen genossen, ist das Internet sicher eine gute Sache, aber man sollte seine Kontakte auch anderswo knüpfen können.

Eine Woche ohne gayromeo hat also eine heilsame Wirkung? Ja, davon sollte die Welt nicht untergehen. Und es sollte keine Beschwerden geben nach dem Motto: "Ich hab keinen Sex mehr gehabt".

Wie stark ist der Einfluss des Internets auf das Sexverhalten? In Anfragen stellen wir fest, dass die Schwellen gesunken sind. Anders als früher wird heute über alle möglichen Sexpraktiken geredet. Man nennt zwar Tabus, aber die nur nach dem Motto: "Alles andere ist okay". Dadurch ist man eher dazu geneigt, risikobehaftete Sexpraktiken umzusetzen - bestimmte Schranken und Grenzen sind gesunken. Die Leute machen dann eher was, zu dem sie sich im Chat haben hinreißen lassen, und bereuen das dann später unter Umständen. In der Fantasie mögen viele Sachen geil sein, in der Realität kann es dazu führen, dass man sich infiziert.

Werden Jüngere da eher "reingezogen"? Jüngere machen jetzt mehr sexuelle Praktiken als früher. Jüngere haben heutzutage plötzlich auch Interesse für S/M und für andere Bereiche - früher hat man solche Sexpraktiken meist erst etwas später umgesetzt. Das ist ein Trend, den wir gerade feststellen. Früher hatten wir viele Fragen zu S/M von 30-Jährigen, jetzt kommen schon detaillierte Fragen von 18-Jährigen. Das Medium macht natürlich bestimmte Praktiken bekannter und macht auch neugierig darauf.

Neigen Schwule eher zur Onlinesucht als der Rest der Bevölkerung? Nein, diese Aussage mag ich nicht. Es neigen immer diejenigen dazu, die Probleme haben. Junge Männer beim Coming-out sind natürlich gefährdeter, wenn die Gesellschaft sich noch diskriminierend verhält. Das gilt für alle anderen Minderheiten auch. Solche Gruppen neigen generell eher dazu, süchtig zu werden.

 



 
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